Studie des GKV-Spitzenverbandes

Korruption im Gesundheitswesen: Fangprämien sind verbreitet

Donnerstag, 24. Mai 2012, 13:23 von
Die sogenannten "Fangprämien" für Mediziner und andere Leistungserbringer im Gesundheitswesen wurden bereits häufiger diskutiert. Trotz Aufdeckung der Missstände ändert sich offensichtlich nichts. Eine neue Studie der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg beweist, dass viele Ärzte zusätzliche Gelder kassieren.
Nach einer aktuellen Studie halten viele Ärzte die Hand auf und kassieren Prämien

Nach einer aktuellen Studie halten viele Ärzte die Hand auf und kassieren Prämien

Wer bei seinem Arzt eine Überweisung in ein Krankenhaus bekommt, der kann sich über die Gründe für die Auswahl der Klinik nicht sicher sein. In vielen Fällen scheint die Kompetenz oder die Spezialisierung einer Klinik nicht ausschlaggebend zu sein. Vielmehr ist das Kriterium die Höhe der Prämie, die der Arzt für seine Empfehlung oder Überweisung kassiert. Das legen die Ergebnisse der Studie nahe, die vom Spitzenverband der gesetzlichen Krankenkassen in Auftrag gegeben wurde. Für die Untersuchung wurden insgesamt 600 niedergelassene Ärzte, rund 360 andere Leistungserbringer wie Sanitätshäuser oder Apotheken und 180 leitende Mitarbeiter von Kliniken befragt. Für jeden vierten Klinikangestellte ist es danach völlig normal, wenn solche Prämien an Ärzte gezahlt werden. Immerhin sahen auch 14 Prozent der Ärzte darin einen durchaus üblichen Vorgang. Weiter ist für fast die Hälfte der befragten Leistungserbringer sahen Prämien für die Zuweisung von Patienten ebenfalls als vollkommen alltäglich an.

Zusätzlicher Verdienst ist willkommen

Zwar profitieren nach den Ergebnissen der Studie die Ärzte am meisten von den Prämien, doch auch die Kliniken haben zusätzliche Einnahmen. Sie bekommen Erfolgsprämien, wenn sie Patienten mit bestimmten Arzneien oder Hilfsmitteln versorgen. Die Studie weist aus, dass es vor allem gerade gegründete Praxen oder Firmen sind, die sich so einen besseren Start erhoffen. Auch die Kliniken, die wirtschaftlich zu kämpfen haben, versuchen sich mit gekauften Überweisungen einen finanziellen Vorteil zu verschaffen.

Unrechtsbewusstsein ist kaum ausgeprägt   

All diese Prämien sind natürlich illegal. Die Betroffenen wissen das genau, doch hält sie das nicht von ihrem Tun ab. Seit 2009 gibt es bei allen Landesärztekammern Clearingstellen. An diese Einrichtungen können sich Ärzte wenden, wenn ihnen die verbotenen Vorteile angeboten werden. Doch die Stellen haben offensichtlich wenig zu tun. 40 Prozent der Befragten halten das Verbot von der Annahme wirtschaftlicher Vorteile nur für einen Vorschlag zur Orientierung des Verhaltens. Zudem ist wohl die Gefahr einer Entdeckung mehr als gering. Mehr als die Hälfte der Ärzte und der anderen befragten Akteure gaben an, dass sie von unzureichenden Kontrollen und einer eher mäßigen Gefahr von Strafen ausgehen.

Politik für Bestrafung bestechlicher Ärzte  

Die Politik reagierte mit Empörung auf die Studie. Der CDU-Gesundheitsexperte Jens Spahn machte deutlich, dass die Fangprämien illegal seien. Hier stehe der Geldbeutel der Ärzte im Mittelpunkt und nicht der Patient. Karl Lauterbach (SPD) verlangte ein Eingreifen von Gesundheitsminister Daniel Bahr (FDP). Der Gesundheitspolitiker sprach aufgebracht von "Mafia-Verhältnissen", die für die Patienten nichts als Schaden verursachen. "Hier wird nicht der beste Arzt gesucht, sondern dahin überwiesen, wo das meiste Schmiergeld gezahlt wird." Lauterbach will für Abhilfe sorgen und bewirken, dass zukünftig Ärzte wegen Bestechlichkeit bestraft werden können.

Ärztepräsident weist Beschuldigungen zurück

Naturgemäß sieht der Präsident der Bundesärztekammer, Frank Ulrich Montgomery, die Lage aus völlig anderem Blickwinkel. Es sei wohl das Motiv der Studienautoren, die Mediziner zu diskreditieren. Die Kassen würden eine "Skandalisierung des ärztlichen Berufsstandes" betreiben, was sowohl "platt wie populistisch" sei. Zudem bezeichnete er die Diskussion um die illegalen Prämien als "uralte Kamellen". Montgomery sprach den ermittelten Zahlen jede Glaubwürdigkeit ab. Wenn sie richtig wären, so seine Begründung, dann müssten sowohl die Staatsanwaltschaften als auch die Ärztekammern mit deutlich mehr Anzeigen beschäftigt sein. Wenn es solche Vorfälle gebe, sollten die Betroffenen sie sofort anzeigen.