Kampf gegen Alzheimer

Neuer Therapieansatz: Blutwäsche gegen fehlgeleitete Antikörper

Montag, 06. Aug 2012, 13:44 von
Es ist eine der am meisten gefürchteten Krankheiten: Vor Alzheimer und Demenz hat wohl jeder große Angst. Noch gibt es keine Heilung, und die bisher entwickelten Medikamente können den geistigen Verfall nur herauszögern. Nun haben Berliner Forscher einen neuen Ansatz zur Bekämpfung der Krankheit gefunden.
Eine Blutwäsche könnte ein neuer Ansatz gegen Alzheimer und Demenz sein

Eine Blutwäsche könnte ein neuer Ansatz gegen Alzheimer und Demenz sein

Am Anfang stand die Frage, ob einige Spielarten von Alzheimer vielleicht durch eine Autoimmunerkrankung hervorgerufen werden könnten. Die Wissenschaftler des Universitätsklinikums Charité in Berlin und am Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin (MDC) haben auf diesem Weg versucht, den Ursachen der Erkrankung auf die Spur zu kommen. In voneinander völlig unabhängigen Untersuchungen fanden die Wissenschaftler im Blutserum erkrankter Personen verschiedene Antikörper. Sie stammen aus einer falschen Antwort, die das Immunsystem auf einen Reiz hin gegeben hat. Die Forscher führten eine spezielle Blutwäsche durch, die diese Antikörper aus dem Blut der Patienten entfernte. Danach konnte eine ganz erhebliche Verbesserung, so zum Beispiel eine deutlich gesteigerte Leistung des Gedächtnisses festgestellt werden. Wenn die Behandlung abgebrochen wurde, so verschlimmerte sich der Zustand der Probanden in eklatanter Weise.

Bestätigung der These im Tierversuch

Doch die Zahl der behandelten Patienten ist noch viel zu gering. Gesicherte Ergebnisse kann es deshalb noch nicht geben. Doch den Forschern gelang immerhin ein realer Nachweis, dass "bestimmte fehl-regulierte Abwehrstoffe des Immunsystems Blutgefäße im Gehirn definitiv beschädigen", so die Veröffentlichung im Fachmagazin "PLoS ONE". In einem Versuch mit Ratten hat sich bestätigt, dass sich die Antikörper an Eiweiße in Gehirn binden. So wird das Gehirn geschädigt, weil bestimmte Bereiche permanent gereizt werden und so die Gefäßwände dicker werden.

Schlechte Durchblutung als Folge von Zerstörung

Die Gefäße sind schlecht durchblutet, so dass auch Schadstoffe nicht abtransportiert werden können. Die speziell entwickelte Blutwäsche entfernt die Antikörper und kann so den Zustand der Patienten verbessern. Doch zur Euphorie besteht kein Anlass. "Die Fallzahlen sind noch sehr klein", sagt Marion Bimmler vom MDC. Doch der neue Weg muss unbedingt weiter verfolgt werden. Wenn sich der Nutzen der Blutwäsche tatsächlich weiter erweisen würde, so könnten sehr viele Kranke von dem Verfahren profitieren. "Etwa die Hälfte der Patienten mit Alzheimer oder vaskulärer Demenz hat derartige Antikörper", erklärt Barion Bimmler. Doch auch diese Zahlen müssen noch belegt werden, denn es gibt noch keine größeren klinischen Studien. Der Ansatz ist aber auf jeden Fall sehr vielversprechend.

Anderes Team mit ähnlicher Bilanz   

Das Team um den Neurologen Harald Prüß an der Charité kam zu ähnlichen Ergebnissen. Auch Prüß vermutet die Beteiligung eines gestörten Immunsystems an der Entstehung von Demenz und Alzheimer. Wenn Alzheimer und Demenz also Autoimmunerkrankungen sind, so kann man sie auch therapieren. Das Team hat nach anderen Antikörpern gesucht. Diese Körper bilden sich gegen einen bestimmten Ionenkanal im Gehirn und können die Funktion der Nerven schädigen und beeinträchtigen.

Grundlegende Studie geplant

Die Blutwäsche wurde auch von diesem Team erfolgreich eingesetzt. Wie bei der Studie um Marion Bimmler waren auch hier die Fallzahlen sehr klein. Gültige Aussagen kann noch keiner der Forscher machen. Doch eine große Studie ist bereits geplant. Man will feststellen, wie hoch der Anteil der Patienten ist, die die behandelbaren Antikörper aufweisen. In die Untersuchung sollen nicht nur Alzheimer- und Demenzkranke, sondern auch Patienten mit Parkinson oder der Creutzfeldt-Jakob-Krankheit einbezogen werden.