Reportage des Norddeutschen Rundfunks

Gefahr für die Gesundheit durch falsche Beratung in Apotheken

Donnerstag, 26. Apr 2012, 12:30 von
Am 23. April strahlte der Norddeutsche Rundfunk (NDR) eine Fernsehreportage mit dem Titel „Die Tricks der Pharmaindustrie“ aus. Dabei ging es um Testeinkäufe in 15 Apotheken und die Qualität der Beratung. Arzneimittel sind keinesfalls harmlose Lebensmittel, so dass die Beratung in der Apotheke einen hohen Stellenwert hat.
Viele Medikamente und keine Beratung - die Apotheken schneiden im Test schlecht ab

Viele Medikamente und keine Beratung - die Apotheken schneiden im Test schlecht ab

Nach allen Umfragen und Studien sind 90 Prozent der Deutschen davon überzeugt, dass sie in ihrer Apotheke um die Ecke gut aufgehoben sind und sich voller Vertrauen auf den Apotheker und sein Wissen verlassen können. Nach den Testkäufen der NDR-Mitarbeiter könnte jedoch dieses Vertrauen ins Wanken geraten. Wenn auch die Werbung dazu auffordert, sich beim Arzt oder Apotheker nach Nebenwirkungen und anderen Fakten zu erkundigen, so bleibt die Realität weit hinter dem Bild vom kompetenten und fürsorglichen Apotheker zurück. Die Tester des NDR mussten jedenfalls die Erfahrung machen, dass sie in mehr als der Hälfte der Apotheken entweder nur unzureichend oder gar nicht beraten wurden. So wurden die Käufer von bestimmten Arzneimitteln nicht darüber aufgeklärt, dass diese Medikamente nur innerhalb bestimmter Altersgrenzen eingenommen werden dürfen.

Viele Apotheker vernachlässigen ihre Pflicht zur Aufklärung  

Die Pharmazeuten sind verpflichtet, ihre Kunden zu beraten und über die möglichen Gefährdungen aufzuklären. Doch darauf haben die Tester in vielen Fällen vergeblich gewartet. Sie konnten ohne Probleme große und gefährlichen Mengen kaufen. Auch Medikamente in riskanten Kombinationen konnten die Käufer erwarben, ohne dass die Mitarbeiter in der Apotheke Fragen gestellt, Hinweise dazu gegeben oder Warnungen ausgesprochen hätten. In der Sendung wurde die Vertreterin der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände (ABDA), Dr. Christiane Eckert-Lill, zu den beunruhigenden Ergebnissen der Testkäufe befragt.

Experte hält Testergebnisse für katastrophal

"Das ist bedauerlich, weil wir eigentlich schon die Aufgabe des Apothekers darin sehen, die Kunden adäquat zu beraten. Das muss verbessert werden", machte Eckert-Lill klar. Noch deutlicher bewertete der Pharmakologe Professor Gerd Glaeske von der Universität Bremen die Ergebnisse. "Ich halte das für eine einzige Katastrophe", so Glaeske. Viele Apotheker würden offensichtlich die Kunden nur abkassieren und dann wegschicken. "Unkommentiert werden mengenweise Schmerzmittel verkauft. Ich halte das für unverantwortlich und bin fassungslos." Man hätte auf jeden Fall den Käufer fragen müssen, wozu er derartige Mengen brauche. Offensichtlich gebe es große Probleme mit der Sicherheit bei Medikamenten gegen Schmerzen. Es sei deshalb nicht verwunderlich, wenn der Gesetzgeber einschreiten müsse.

Keine Verbesserung seit dem Vorjahr

Der NDR hatte bereits im vergangenen Jahr Stichproben in Apotheken durchführen lassen. Dabei hatte ein Kunde in jeder getesteten Apotheke über Beschwerden geklagt, die typisch für einem Heuschnupfen sind: Den angeblichen Kunden quälten juckende Augen, Reizhusten und Schnupfensymptome. Nur weniger als die Hälfte der Apotheker hatten dem Kunden empfohlen, mit seinen Beschwerden einen Arzt aufzusuchen. In der Sendung vertraten Experten die Ansicht, dass der Reizhusten ein erstes Symptom für Asthma sein könnte. "Das ist besorgniserregend, wenn Apothekerinnen und Apotheker Patienten nicht richtig aufklären", sagte Ursula Wens von der Verbraucherzentrale Hamburg.

Profit ist offensichtlich das wichtigste Kriterium

Bei der Stichprobe im Mai 2011 gab es ebenfalls kaum Beratung, aber sehr viele Pillen, Tropfen und Pülverchen. Es wurden auch keine einheitlichen Empfehlungen ausgesprochen, sondern jede Apotheke hatte andere Favoriten. Dazu konnten die Testkunden feststellen, dass die Preise für die Arzneimittel sehr unterschiedlich waren. Es gab Unterscheide bis zu fünf Euro. Nur eine einzige Apotheke konnte mit einer richtigen Beratung punkten. Dort riet man dem Heuschnupfengeplagten zu einen Besuch beim Arzt und entsprechenden Medikamenten gegen die allergischen Reaktionen.